{"id":199,"date":"2022-09-05T19:33:25","date_gmt":"2022-09-05T17:33:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/?p=199"},"modified":"2022-09-08T14:36:27","modified_gmt":"2022-09-08T12:36:27","slug":"kuenstlerische-forschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/2022\/09\/05\/kuenstlerische-forschung\/","title":{"rendered":"K\u00fcnstlerische Forschung: Wenn durch Kunst neue Erkenntnisse entstehen"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-weight: 400\"><b>Wissenschaft und Kunst waren nicht immer getrennt. Ein Blick zur\u00fcck zeigt, dass Menschen lange beides gemeinsam praktizierten. In diesem Beitrag geben wir euch eine kurze Einf\u00fchrung in die Urspr\u00fcnge der k\u00fcnstlerischen Forschung \u2013 und kl\u00e4ren, was das f\u00fcr uns heute bedeuten kann.\u00a0<\/b><\/span><\/p>\n<p><!--more--><b><\/b><em><span style=\"font-weight: 400\">Von Gabriel D\u00f6rner und Marie Niederleithinger\u00a0<\/span><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Als im Sommer 2021 erstmals f\u00fcnf K\u00fcnstler*innen nach Jena reisten, um mit Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Institutionen zu forschen, war wohl noch keinem der Beteiligten klar, was genau am Ende herauskommen w\u00fcrde. Drei Monate sp\u00e4ter er\u00f6ffnete im TRAFO, einem ehemaligen Umspannwerk am Rande der Innenstadt, eine Ausstellung unter dem Titel \u00bbEntstehung einer k\u00fcnstlerischen Tatsache\u00ab. Zu sehen waren Kunstwerke, die aus der Zusammenarbeit mit den Forscher*innen entstanden waren. Jedoch: Nicht wenige G\u00e4ste fragten uns, was genau da in den drei Monaten passiert war. Wie wurde die Forschung zur Kunst? Und was sagen die Kunstwerke \u00fcber den wissenschaftlichen Gegenstand aus, der ihnen zugrunde liegt?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Nun f\u00fchren wir unser Arts &amp; Science-Programm zum zweiten Mal durch. Auch in diesem Jahr haben wir f\u00fcnf K\u00fcnstler*innen eingeladen, nach Jena zu kommen. Erneut lassen sie sich von den Themen unterschiedlicher Forschungsgruppen inspirieren und werden im Herbst ihre Ergebnisse in einer Ausstellung pr\u00e4sentieren. Seit zwei Monaten sind die K\u00fcnstler*innen nun in Jena. Sie treffen sich regelm\u00e4\u00dfig mit ihren Forschungspartner*innen; arbeiten in Laboren, Werkst\u00e4tten und ihren Ateliers. W\u00e4hrend die \u00bbK\u00fcnstlerischen Tatsachen\u00ab sprichw\u00f6rtlich in ihrer Entstehung begriffen sind, nutzen wir die Gelegenheit, euch einen Einblick in die Hintergr\u00fcnde unseres Projektes zu geben.\u00a0<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_215\" aria-describedby=\"caption-attachment-215\" style=\"width: 2500px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-215 size-full\" src=\"https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Bild-01__Kuenstlerische-Tatsachen_Gruppenfoto-2021__Foto_Leonie-Lindl.jpg\" alt=\"\" width=\"2500\" height=\"1667\" srcset=\"https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Bild-01__Kuenstlerische-Tatsachen_Gruppenfoto-2021__Foto_Leonie-Lindl.jpg 2500w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Bild-01__Kuenstlerische-Tatsachen_Gruppenfoto-2021__Foto_Leonie-Lindl-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Bild-01__Kuenstlerische-Tatsachen_Gruppenfoto-2021__Foto_Leonie-Lindl-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Bild-01__Kuenstlerische-Tatsachen_Gruppenfoto-2021__Foto_Leonie-Lindl-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Bild-01__Kuenstlerische-Tatsachen_Gruppenfoto-2021__Foto_Leonie-Lindl-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Bild-01__Kuenstlerische-Tatsachen_Gruppenfoto-2021__Foto_Leonie-Lindl-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Bild-01__Kuenstlerische-Tatsachen_Gruppenfoto-2021__Foto_Leonie-Lindl-100x67.jpg 100w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Bild-01__Kuenstlerische-Tatsachen_Gruppenfoto-2021__Foto_Leonie-Lindl-150x100.jpg 150w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Bild-01__Kuenstlerische-Tatsachen_Gruppenfoto-2021__Foto_Leonie-Lindl-200x133.jpg 200w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Bild-01__Kuenstlerische-Tatsachen_Gruppenfoto-2021__Foto_Leonie-Lindl-450x300.jpg 450w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Bild-01__Kuenstlerische-Tatsachen_Gruppenfoto-2021__Foto_Leonie-Lindl-600x400.jpg 600w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Bild-01__Kuenstlerische-Tatsachen_Gruppenfoto-2021__Foto_Leonie-Lindl-900x600.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 2500px) 100vw, 2500px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-215\" class=\"wp-caption-text\">Projekttem und Helfer*innen des Projekts im Oktober 2021. Foto: Leonie Lindl<\/figcaption><\/figure>\n<h2><b>Was machen wir eigentlich?<br \/>\n<\/b><span style=\"font-weight: 400\">Das ist unsere Kernidee<\/span><\/h2>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Zun\u00e4chst ein paar Zeilen zu unserem Grundverst\u00e4ndnis, also dem konzeptuellen Fundament, auf das wir unser Projekt bauen. Wir bringen nicht nur Wissenschaft und Kunst zusammen, sondern er\u00f6ffnen dar\u00fcber hinaus einen Dialogprozess mit der Zivilgesellschaft. Wir verstehen unser Projekt als ein Reallabor \u2013 ein \u00f6ffentliches Experiment, bei dem alle Beteiligten voneinander lernen. Nat\u00fcrlich kann es keine Garantie geben, dass die Zusammenarbeit f\u00fcr alle fruchtbar und lehrreich ist. Es kommt ganz darauf an, mit welcher Intention sich die Beteiligten auf das Experiment einlassen. Wir glauben aber, dass es ein gro\u00dfes Potenzial f\u00fcr alle der beteiligten Gruppen gibt, ganz egal, ob der individuelle Zugang eher zielgerichtet oder spielerisch motiviert ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">F\u00fcr K\u00fcnstler*innen erm\u00f6glichen wir einen exklusiven Einblick in die Welt des empirischen Wissens: Woran wird gerade geforscht und warum? Mit welchen Materialien, Methoden und Abl\u00e4ufen arbeitet ein Forschungsinstitut, um der Antwort auf die aktuellen Forschungsfragen in Jena ein St\u00fcck n\u00e4her zu kommen? All dieser Informationen k\u00f6nnen sich die K\u00fcnstler*innen bedienen und sich daraus nicht nur Themen, sondern auch neue Ausdrucksformen f\u00fcr ihre k\u00fcnstlerische Arbeit erschlie\u00dfen. Sie verbringen viel Zeit mit den Forscher*innen aus \u00bbihren\u00ab Instituten \u2013\u00a0 und werden von ihnen nicht zuletzt auch mit Ressourcen versorgt, die sie f\u00fcr ihre Kunstwerke ben\u00f6tigen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Durch den intensiven Austausch mit den K\u00fcnstler*innen werden Wissenschaftler*innen mit komplement\u00e4ren Herangehensweisen an Problemstellungen und -l\u00f6sungen konfrontiert und k\u00f6nnen so selbst eine neue Perspektive einnehmen: Wie k\u00f6nnen Forschungsthemen zug\u00e4nglich gemacht werden? Welche \u00e4sthetische Methode kann die Erkenntnisse anders vermitteln? So wird ein Zugang zu wissenschaftlichen Themen auch f\u00fcr die breite Bev\u00f6lkerung erschlossen. Womit wir bei der dritten Gruppe der Beteiligten w\u00e4ren: Den B\u00fcrger*innen aus der Zivilgesellschaft. Gerade in Zeiten, in denen Wissenschaftsskepsis und Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen mehr Zulauf erhalten, scheint das mehr denn je geboten. Indem wir den Dialogprozess zwischen Wissenschaft und Kunst auch f\u00fcr die Zivilgesellschaft \u00f6ffnen, Transparenz und Partizipation erm\u00f6glichen, bauen wir Barrieren zu oft unzug\u00e4nglichen Themen ab und schaffen einen Raum f\u00fcr neue Erfahrungen. Denn gerade die Kunst kann die volle Bandbreite der Empfindungen ansprechen und so Menschen f\u00fcr komplizierte und abstrakte Themen auf einem anderen sinnlichen Level empf\u00e4nglich machen.[1]<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_213\" aria-describedby=\"caption-attachment-213\" style=\"width: 1620px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-213 size-full\" src=\"https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/220709_KT_1784.jpeg\" alt=\"\" width=\"1620\" height=\"1080\" srcset=\"https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/220709_KT_1784.jpeg 1620w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/220709_KT_1784-300x200.jpeg 300w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/220709_KT_1784-1024x683.jpeg 1024w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/220709_KT_1784-768x512.jpeg 768w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/220709_KT_1784-1536x1024.jpeg 1536w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/220709_KT_1784-100x67.jpeg 100w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/220709_KT_1784-150x100.jpeg 150w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/220709_KT_1784-200x133.jpeg 200w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/220709_KT_1784-450x300.jpeg 450w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/220709_KT_1784-600x400.jpeg 600w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/220709_KT_1784-900x600.jpeg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 1620px) 100vw, 1620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-213\" class=\"wp-caption-text\">Teilnehmende beim Workshop im Rahmen von \u00bbkT Fellows\u00ab. Foto: Anna Perepechai<\/figcaption><\/figure>\n<h2><b>Kunst und Wissenschaft wieder vereint?<br \/>\n<\/b><span style=\"font-weight: 400\">Ein Blick in die Geschichte<\/span><\/h2>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Unsere bisherigen Ausf\u00fchrungen legen nahe, dass sich alle Beteiligten entweder als K\u00fcnstler*innen oder als Wissenschaftler*innen verstehen \u2013 doch es gibt auch \u00dcberlappungen. Historisch ist die Trennlinie zwischen Kunst und Wissenschaft nicht so klar: Das ber\u00fchmteste Beispiel ist wohl Leonardo da Vinci, der von 1452 bis 1519 in Italien lebte. Er hat sowohl k\u00fcnstlerische als auch naturwissenschaftliche Mittel eingesetzt, um Muster in der Natur, im menschlichen K\u00f6rper und in der Architektur zu untersuchen. Dabei hat er mit vielen Expert*innen aus den unterschiedlichen Disziplinen zusammengearbeitet.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Eine in ihrem Fachgebiet ebenso ber\u00fchmte, aber weithin weniger popul\u00e4re Person ist Maria Sybilla Merian, die von 1647 bis 1717 lebte. Auch sie praktizierte Kunst und Wissenschaft zusammen: Sie wird als Wegbereiterin der Insektenkunde gefeiert und hat Feldforschung auf mehreren Kontinenten betrieben. Zugleich hielt sie ihre Entdeckungen als Illustratorin und Graveurin eigenh\u00e4ndig fest und ver\u00f6ffentlichte ihr Werk als Verlegerin selbst.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Wir k\u00f6nnen festhalten, dass in fr\u00fcheren Zeiten Kunst und Wissenschaft h\u00e4ufig zusammengedacht wurden. Erst langsam gewinnen wir wieder Vorbilder, die die Disziplinen in ihrer Praxis vereinen \u2013 das liegt daran, dass Kunst und Wissenschaft in der Zeit der Aufkl\u00e4rung tiefgreifend voneinander getrennt wurden. Die Zeit der Universalgelehrten war gegen Ende des 17. Jahrhunderts vorbei. Wissenschaften und die K\u00fcnste wurden in den Enzyklop\u00e4dien in unterschiedliche Abschnitte sortiert und an getrennten Hochschulstandorten gelehrt \u2013 \u00fcberwiegend ist das bis heute so. Doch es regt sich etwas! Seit den 80er Jahren bem\u00fcht sich die Arts-&amp;-Science-Bewegung darum, dass Kunst und Wissenschaft wieder in einen st\u00e4rkeren Austausch kommen. Anstatt ein Selbstzweck zu sein\u00a0 (\u00bbL\u2019 art pour l\u2019art), ist die Kunst\u00a0 auf der Suche nach Sinn, nach ihrem Daseinszweck in der Gesellschaft. Die Wissenschaft wiederum sucht nach neuen Methoden des Austauschs und der Vermittlung. Die Wissensproduktion formiert sich neu, oder wie es Annemarie Matzke in ihrem Artikel beschreibt: \u00bb[Es wird] die bisherige Abgrenzung von Kunst und Wissenschaft grundlegend in Frage gestellt mit dem Ziel, Hier\u00adarchisierungen von Wissensformen zu unterlaufen.\u00ab[2]<\/span><span style=\"font-weight: 400\"> Gleichzeitig gibt es aber auch Kritik daran, dass k\u00fcnstlerische Forschung mehr und mehr in Institutionen Einzug h\u00e4lt.[3]<\/span><span style=\"font-weight: 400\"> Auch wir sind mit unserem Projekt Teil dieser Bewegung und des Diskurses geworden \u2013 und etablieren den Arts-&amp;-Science-Gedanken in Mitteldeutschland, wo er noch vielen Leuten neue M\u00f6glichkeiten aufzeigen kann.\u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2><b>Warum eigentlich \u00bbK\u00fcnstlerische Tatsachen\u00ab?<br \/>\n<\/b><span style=\"font-weight: 400\">Zum Titel unseres Projekts<\/span><\/h2>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Sicher habt ihr euch gefragt, was es mit dem Titel des Projektes eigentlich auf sich hat. \u00bbK\u00fcnstlerische Tatsachen\u00ab \u2013 das ist eine Anlehnung an ein Buch von Ludwik Fleck, das 1935 erschienen ist. Es hei\u00dft \u00bbEntstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache\u00ab und begr\u00fcndete eine Forschungsrichtung, die sich mit der Wissensproduktion und den Denk- und Handlungsweisen innerhalb der Wissenschaftsgemeinschaft befasst. In seinem Buch beschreibt Fleck, dass wissenschaftliches Wissen immer innerhalb eines speziellen psycho-sozialen und kulturellen Kontextes entsteht. Er pr\u00e4gte den Begriff \u00bbDenkkollektive\u00ab, der bedeutet, dass eine Gruppe von Menschen ihr Wissen ausgehend von gemeinsamer Sprache, Verhalten und \u00dcberzeugungen produziert. So kommt es auch, dass verschiedene\u00bbRealit\u00e4ten\u00ab in unserer Gesellschaft koexistieren k\u00f6nnen, weil sie von verschiedenen Denkkollektiven entwickelt und aufrechterhalten werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Was andere innerhalb unseres Denkkollektivs bereits vor uns formuliert haben, beeinflusst unseren Blick auf die Welt \u2013 es bestimmt unsere Praxis. Doch in unserem Alltag geh\u00f6ren wir verschiedenen Denkkollektiven an und k\u00f6nnen ebenso in Begegnungen mit anderen Menschen au\u00dferhalb unserer Blase neue Impulse erlangen. Der Austausch zwischen den Denkkollektiven kann unsere \u2013 wie Fleck es nennt \u2013 Denkstile erweitern, erg\u00e4nzen und sogar ver\u00e4ndern.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Wir \u00fcbertragen Flecks Gedanken zur Entstehung von empirischem Wissen auf die Welt der Kunst. Auch durch k\u00fcnstlerisches Schaffen kann neue Erkenntnis entstehen. Das Kunstwerk ein Wissensspeicher sein \u2013 oder frei nach Fleck: eine k\u00fcnstlerische Tatsache. Wie bei einem wissenschaftlichen Forschungsprozess steht in der k\u00fcnstlerischen Forschung das Ergebnis nicht von vornherein fest. Auch wenn wir in unserem Projekt Themen eingrenzen und Rahmenbedingungen vorgeben, ist das fertige Kunstwerk f\u00fcr uns eine \u00dcberraschung! Den Weg dorthin m\u00f6chten wir, wie beim wissenschaftlichen Vorgehen, transparent machen. Daher liegt es uns besonders am Herzen, Methoden k\u00fcnstlerischer Forschung f\u00fcr alle Beteiligten zug\u00e4nglich zu machen: Produktionsprozesse werden sichtbar und es entstehen verschiedene M\u00f6glichkeiten der Begegnung.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_209\" aria-describedby=\"caption-attachment-209\" style=\"width: 2500px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-209 size-full\" src=\"https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Presse_2291_rgb_2_0.jpg\" alt=\"\" width=\"2500\" height=\"1667\" srcset=\"https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Presse_2291_rgb_2_0.jpg 2500w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Presse_2291_rgb_2_0-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Presse_2291_rgb_2_0-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Presse_2291_rgb_2_0-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Presse_2291_rgb_2_0-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Presse_2291_rgb_2_0-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Presse_2291_rgb_2_0-100x67.jpg 100w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Presse_2291_rgb_2_0-150x100.jpg 150w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Presse_2291_rgb_2_0-200x133.jpg 200w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Presse_2291_rgb_2_0-450x300.jpg 450w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Presse_2291_rgb_2_0-600x400.jpg 600w, https:\/\/www.hochschulwettbewerb.net\/2022\/hildesheim\/wp-content\/uploads\/sites\/70\/2022\/09\/Presse_2291_rgb_2_0-900x600.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 2500px) 100vw, 2500px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-209\" class=\"wp-caption-text\">Die K\u00fcnstlerin Andrea Garcia Vasquez und die Wissenschaftlerin Pooja Mehta forschen gemeinsam im Max-Planck-Institut f\u00fcr chemische \u00d6kologie. Foto: Leonie Lindl<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4><\/h4>\n<h4><\/h4>\n<h4><\/h4>\n<h4><\/h4>\n<h4><\/h4>\n<h4><\/h4>\n<h4><\/h4>\n<h4><\/h4>\n<h4><\/h4>\n<h4><\/h4>\n<h2><\/h2>\n<h2><\/h2>\n<h2><b>Eine gute Balance?<br \/>\n<\/b><span style=\"font-weight: 400\">Kunst und Wissenschaft auf Augenh\u00f6he<\/span><\/h2>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Laut Alva No\u00eb k\u00f6nnen k\u00fcnstlerische Werke Mittel sein, um unseren Blick auf die Welt zu sch\u00e4rfen. Indem K\u00fcnstler*innen Handlungsabl\u00e4ufe und Gegenst\u00e4nde allt\u00e4glicher Praxis verfremden, irritieren sie unsere Sichtweise und lassen uns vermeintliche Gewissheiten hinterfragen. K\u00fcnstlerisch Forschende k\u00f6nnen dabei die Bandbreite an Methoden nutzen, welche aus den verschiedenen Wissenschaftstraditionen hervorgegangen ist.[4]<\/span><span style=\"font-weight: 400\"> So k\u00f6nnen sie ethnografisch forschen und beispielsweise Machtbeziehungen und ungleiche Chancen von Menschen verschiedener Hautfarben, Herkunft und Geschlechtsidentit\u00e4t ber\u00fccksichtigen, wie es f\u00fcr feministische und postkoloniale Ans\u00e4tze zentral ist. Oder sie k\u00f6nnen datenbasiert und von einer Theorie ausgehend auf Entdeckungsreise gehen, indem sie empirische Methoden und Prinzipien verwenden, die sie dann w\u00e4hrend ihres Prozesses kritisch hinterfragen k\u00f6nnen.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Neben dem Begriff der k\u00fcnstlerischen Forschung werden oft andere Begriffe wie \u00bbkunstbasierte Forschung\u00ab oder \u00bbForschung durch Kunst\u00ab verwendet, die sich nicht immer klar voneinander abgrenzen lassen.[5]<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Auch der Begriff \u00bbArts &amp; Science\u00ab muss nicht hundertprozentig mit k\u00fcnstlerischer Forschung \u00fcberlappen und kann f\u00fcr verschiedene Modi des Zusammenarbeitens zwischen K\u00fcnstler*innen und Wissenschaftler*innen stehen: Die Kunst hat das gr\u00f6\u00dfere Gewicht in der Zusammenarbeit, wenn zum Beispiel K\u00fcnstler*innen die \u00e4sthetischen Dimensionen von wissenschaftlichen Prozessen und Gegenst\u00e4nden untersuchen. In diesem Modus einer Zusammenarbeit kann es passieren, dass die entstehenden Kunstwerke als zu seicht in Bezug auf die wissenschaftlichen Themen wahrgenommen werden oder das k\u00fcnstlerische Vorgehen als zu wenig ausgereift daherkommt.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Hat stattdessen die Wissenschaft gro\u00dfes Gewicht, beispielsweise weil die Forschungsinstitution selbst einen Aufenthalt f\u00fcr K\u00fcnstler*innen ausschreibt um sinnlich-\u00e4sthetische Zug\u00e4nge zu ihrem Themen zu schaffen, kann es passieren, dass die Kunstwerke als zu abh\u00e4ngig von den Forschungssettings wahrgenommen werden und sich unterordnen. Hier werden schnell die Grenzen zur Wissenschaftskommunikation verwischt und die Kunstproduktion als Vehikel zur \u00bbErkl\u00e4rung\u00ab von Wissenschaft gebraucht.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Eine Begegnung von Kunst und Wissenschaft auf Augenh\u00f6he ist dann m\u00f6glich, wenn beide Seiten sich ergebnisoffen aufeinander einlassen; die Denkweisen der jeweils anderen Disziplin anerkennen; das Schaffen in den Dienst des k\u00fcnstlerischen Forschungsthemas und der damit verbundenen gesellschaftlichen Herausforderungen stellen \u2013 und so gemeinsam etwas Neues zu erschaffen. Das ist es, was wir bei \u00bbK\u00fcnstlerische Tatsachen\u00ab erreichen m\u00f6chten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Mit unserem Projekt schlagen wir den Bogen zur\u00fcck zu den oben erw\u00e4hnten historischen Beispielen und inspirieren unsere Teilnehmenden, Grenzg\u00e4nger*innen ihrer eigenen Denkkollektive zu werden. Alle Beteiligten, sowohl Wissenschaftler*innen als auch K\u00fcnstler*innen, werden zu kreativ-forschenden Personen, die mit ihrem Schaffen die Verbindung zwischen Kunst und Wissenschaft neu aufleben lassen.\u00a0<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h6>[1] vgl. dazu <em>Wang, Q, Coemans, S, Siegesmund, R, &amp; Hannes, K<\/em> (2017): <strong>Arts-based Methods in Socially Engaged Research Practice: A Classification Framework.<\/strong> Art\/Research International: A Transdisciplinary Journal, 2(2), S. 12 Online unter https:\/\/doi.org\/10.18432\/R26G8P Abgerufen am 22.08.2022<\/h6>\n<h6>[2] <em>Matzke, Annemarie <\/em> (2013\/2012): <strong>K\u00fcnstlerische Praktiken als Wissensproduktion und k\u00fcnstlerische Forschung. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE.<\/strong> Online unter: https:\/\/www.kubi-online.de\/artikel\/kuenstlerische-praktiken-wissensproduktion-kuenstlerische-forschung Abgerufen am 20.08.2022<\/h6>\n<h6>[3] Wer dazu mehr lesen m\u00f6chte, kann hier nachschauen: <em>Steyerl, Hito<\/em> (2010): <strong>\u00bb\u00c4sthetik des Widerstands? K\u00fcnstlerische Forschung als Disziplin und Konflikt\u00ab<\/strong> Online unter: https:\/\/transversal.at\/transversal\/0311\/steyerl\/de Abgerufen am 22.08.2022<\/h6>\n<h6>[4] vgl. <em>No\u00eb, Alva<\/em> (2015): <strong>Strange Tools: Art and Human Nature. Interview with Richard Bright (Editor of Interalia Magazine)<\/strong>\u00a0Online unter https:\/\/www.interaliamag.org\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Alva-No&#8212;Strange-Tools.pdf Abgerufen am 22.08.2022<\/h6>\n<h6>[5] Wer dazu mehr lesen m\u00f6chte, kann hier nachschauen: <em>Tepe, Peter<\/em> (2020): <strong>K\u00fcnstlerische Forschung: Was ist das?<\/strong> w\/k &#8211; Zwischen Wissenschaft &amp; Kunst. Online unter https:\/\/doi.org\/10.55597\/d13977 Abgerufen am 22.08.2022<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wissenschaft und Kunst waren nicht immer getrennt. Ein Blick zur\u00fcck zeigt, dass Menschen lange beides gemeinsam praktizierten. 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