Bericht aus Marburg: Es braucht gesamtgesellschaftliche Veränderung…

Wie in unseren sozialen Netzwerke-Kanälen versprochen berichten wir an dieser Stelle noch etwas ausführlicher über unser drittes ‚The Future of Labour‘-Erzählcafé in Marburg, das letzten Montag, am 20.8.2018 stattgefunden hat! Ähnlich wie schon bei unserer Eröffnungsveranstaltung in Frankfurt am Main haben sich erneut knapp 45 Menschen im Erwin-Piscator-Haus Marburg eingefunden, um über die Gegenwart, den Wandel und die Zukunft der Arbeit rund um die Geburt zu erzählen, an (Berufs-)Erfahrungen teilhaben zu lassen und sich gemeinsam über die zukunftsfähige Gestaltung der Arbeitswelten rund um die Geburt auszutauschen. 

Aktionsraum im Erwin-Piscator-Haus der Stadt Marburg: Erzählen, Zuhören und Zukunftsvisionen nachzuhängen ist auch Aktion!

 

 

 

 

Die Teilnehmer*innen und Kooperationspartner*innen

Das Marburger ‚The Future of Labour‘-Erzählcafé war eine bunte Mischung aus Praktiker*innen aus den Arbeitswelten rund um die Geburt, Eltern, Menschen aus der lokalen Frauen-, Gleichstellungs- und Gesundheitspolitik sowie Wissenschaftlerinnen, die sich mit den Themenfeldern Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft beschäftigen.

 

 

 

 

 

 

Es waren viele unterschiedliche Berufs- und Tätigkeitsbilder vertreten: In den ortsansässigen Geburtskliniken angestellte Hebammen, freiberufliche Hebammen mit und ohne Angebote in der Geburtshaus- und Hausgeburtsbegleitung, Hebammenschülerinnen, Sozialpädagog*innen und Psychologinnen aus den verschiedenen Schwangerschaftsberatungsstellen in Stadt und Landkreis; Mütterpflegerinnen bzw. Familienlotsinnen; Vertreterinnen der Frühen Hilfen/des Gesundheitsamts, des Programms „Gesunde Stadt“ und der Bundeselterninitiative Mother Hood. Wir haben wunderbare, anregende und nachdenklich stimmende Erzählungen aus diesen verschiedenen Berufs- und Tätigkeitszweigen gehört.

 

 

 

 

 

 

Was wir leider nicht hören durften sind die Stimmen der Gynäkolog*innen. Wir suchen euch, liebe Chef-, Ober- und Assistenzärzt*innen aus dem geburtshilflichen Bereich, liebe niedergelassene Gynäkolog*innen, liebe Medizinstudierende mit Schwerpunkt Geburtshilfe! Und hoffen darauf, dass sich das Gleichgewicht spätestens beim nächsten ‚The Future of Labour‘-Erzählcafé in Hamburg wieder herstellen wird. Lasst uns wissen, was nötig ist, um eure Erfahrungen einbringen zu können!

 

 

 

 

 

 

Das Marburger ‚The Future of Labour‘-Erzählcafé wäre nicht möglich gewesen ohne die engagierte und großzügige Unterstützung unserer lokalen Kooperationspartner*innen. Wir danken Dr. Christine Amend-Wegmann und dem Team des Referats für Gleichberechtigung von Frau und Mann der Stadt Marburg sowie Claudia Schäfer vom kommunalen Frauenbüro des Landkreis Marburg-Biedenkopf; Dr. Andrea Schroer vom Fachbereich Gesundheitsamt, dem Netzwerk Geburt und der Kinderhilfestiftung e.V.. Wir danken überdies dem Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung der Philipps-Universität Marburg und hier insbesondere Dr. Helga Krüger-Kirn vom REVERSE-Projekt für Ihr und euer großes Engagement für die Zukunft der Arbeit rund um die Geburt!

 

 

 

 

 

 

Es braucht gesamtgesellschaftliche Veränderung – „…darunter machen wir es nicht!“

In Marburg haben wir Berührendes, Bewegendes, Mutiges & Kämpferisches gehört. Herzlichen Dank insbesondere an unsere Impulsgeber*innen! Es ging um Work-Life-Balance, um Idealismus und Arbeitseinsatz an und jenseits der eigenen Grenzen, um ungleiche Geschlechterverhältnisse (ist die Arbeit rund um die Geburt ein „Frauenthema“?), um Gewalt, Angst und Anpassungsdruck sowie deren Prävention in der Geburtshilfe.

 

Und einmal mehr ist deutlich geworden, wie komplex die Zusammenhänge sind: Die Arbeitswelten rund um die Geburt sind auf grundlegende Weise in gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verankert, die auf diese zurückwirken und von ihnen beeinflusst werden. Und nicht alles, was sich an gesellschaftlichen Baustellen auftut (z.B. Frauengesundheitsbildung, soziale Isolation, soziale Ungleichheit…), kann und darf denen überantwortet bleiben, die rund um die Geburt arbeiten – zumal nicht, ohne dass es zur Bewältigung dieser Phänomene zusätzliche Ressourcen gibt!

Es wurde über die Veränderung der gesellschaftlichen Normen und Diskurse über Schwangerschaft, Geburt und Mutter-/Elternschaft gesprochen, über den Druck, den die Pränataldiagnostik auf die werdenden Mütter erzeugt, ein ‚gesundes‘ Kind zu gebären; über die medialen Bilder von Geburt und über den Zugang, den Frauen selbst zu ihren Körpern und Kräften (nicht mehr) haben (u.a. Selbstuntersuchung – noch ein Thema bei  jungen Frauen?). Ein weiteres Mal war die Arbeitsbelastung auf die Einzelnen, die Anzahl der zu betreuenden Gebärenden pro Hebamme, die steigende Arbeitsdichte, die der Verantwortung dieser Berufe vielfach nicht adäquate Einkommen (nicht nur bei den Hebammen!) und der Wunsch nach existenzsichernder Möglichkeit, Teilzeit arbeiten zu können, ein großes Thema.

Es wurde auch deutlich, dass und wie es unter den derzeitigen gesundheitspolitischen und betrieblichen Rahmenbedingungen in Kliniken es zunehmend zu einer persönlichen Einzelleistung wird, einen „langen Atem“ und respektvollen Umgang, Empathie und Augenhöhe mit denen zu erhalten, die als Schwangere und Familien im Zentrum der Arbeit rund um die Geburt stehen. Nicht nur die Nutzer*innen, auch die Arbeitenden rund um die Geburt brauchen Raum, Zeit, institutionelle und finanzielle Möglichkeiten zur Erholung, zum Krafttanken und Ressourcen für ihre Familien und Freund*innen.

Kurz: Die zukunftsfähige Gestaltung der Arbeitswelten rund um die Geburt ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Und wie schon in vorherigen ‚The Future of Labour‘-Erzählcafés war es ein vielfach geäußerter Wunsch, dass die beteiligten Berufs- und Tätigkeitsgruppen stärker vernetzt und gemeinsam die Herausforderungen zur zukunftsfähigen Gestaltung der Arbeit rund um die Geburt angehen.

 

Für die Zukunft!

Euer Team Labour

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